Dokumentation 4netzen am 4.5.2021: „Kollegiale Beratung“

Im Vernetzungstreffen für Nachhaltigkeitsinitiativen „4netzen“ am Donnerstag, 4. Mai 2021 um 19 Uhr stelle Katrin Kendel (Coach, Beraterin, Supervisorin) die Methode der kollegialen Fall-Beratung vor. In der systematischen kollegialen Fall-Beratung unterstützen sich (gleichberechtigte) Kolleg*innen gegenseitig bei der Bewältigung von beruflichen Herausforderungen – oder Herausforderungen im Kontext eines ehrenamtlichen Engagements. Der Beratungswunsch von einer/einem der Teilnehmenden wird als Fall bezeichnet. Die Gruppenmitglieder nehmen festgelegte Rollen ein (Moderator*in, Berater*in, Zeitwächter*in) und der Prozess wird entlang eines festgelegten Musters strukturiert.

Im Anschluss gab es wie immer Kleingruppen im Open-Space Format.

Ablauf

19.00 Begrüßung & Einführung
19:10 Impulsvortrag (Katrin Kendel, Coach, Beraterin, Supervisorin)
20:00 Open Space
20:45 Abschlussrunde
21:00 Ende des Treffens

Anzahl Teilnehmende: 17
Online via Zoom

Hinweis: Die folgende Dokumentation stellt eine Mitschrift der Veranstaltung dar und ist keine Veröffentlichung der Referentin.

1. Kollegiale Fallberatung

Was ist kollegiale Fallberatung?

Mit Zusammenarbeit im Team sind auch Fragen von Führung verbunden; Selbstführung, Lebensführung, Gestaltung von Prozessen.

Kollegiale Fallberatung ist ein strukturiertes Gruppenverfahren

  • für ca. 1 Stunde
  • i.d.R. ohne externe Moderation
  • alle einigen sich darauf, sich an den Ablauf zu halten
  • es geht um „Fälle“ aus dem Arbeitsleben: nicht nur aus dem Bereich der Lohnarbeit, sondern aus allen Feldern, in denen man „sich arbeitend einbringt“. Hier taucht etwas auf, das schwierig ist (zumindest der Fall-Einbringendes empfindet es aktuell so)
  • Der Fall-Einbringer formuliert sein „Anliegen“ in dem „Fall“, d.h. Ist-Zustand u. was er dank der kollegialen Beratung erreichen möchte „Ich komme dorthin nicht mit meinen üblichen Handlungsoptionen“. Oder „ich möchte etwas besser verstehen“ o.a.
  • die Weisheit der Gruppe hilft, im eigenen Anliegen weiterzukommen
  • oft: man merkt, man ist gar nicht allein mit dem Thema
  • Wertschätzung, sich gut zuhören
  • Steigert das Vertrauen in der Gruppe, weil man intensiv gesprochen hat

Umsetzung & Schritte in der kollegialen Fallberatung

1. Schritt: wie setzt sich die Gruppe zusammen?

  • kann sein: das Team / die Vereinsgruppe, die es immer ist
  • oder eine Gruppe von Teilnehmenden die in verschiedenen Organisationen die gleiche Rolle ausfüllen, z.B. Geschäftsführer*innen, die sich auf einer Hierarchieebene treffen
  • gut: wenn alle auf Augenhöhe sprechen können (wenn nicht nachher die Hierarchie wieder zuschlägt)
  • nicht gut: wenn Wogen schon hochsteigen und ein Konflikt bereits im Raum ist, dann ist die Gruppe oft überfordert, es ohne externe Moderation zu schaffen

2. Schritt: für heute werden Rollen festgelegt (ideal: für jedes Treffen neu verteilen)

  • 1. Case giver: bringt Fall ein
  • 2. Moderator (stellt Ablauf vor, sagt immer, wo wir im Prozess sind, was wir erwarten, fasst zusammen, achtet auf die Zeit)
  • alle anderen: sind Beratende für heute

Moderator stellt Ablauf vor, ggf. visualisiert er denselben nochmals für alle

Alle sind voll präsent, committen sich für die vereinbarte Zeit

1.1. Fallerzählung: case giver erzählt Herausforderung in ca. 10 Minuten, frei, ohne Unterbrechung, alle anderen hören so gut wie möglich zu

Moderator fragt, ob case giver fertig ist und was das Anliegen für heute ist (ob er Lösungsoptionen sucht o.ä.)

1.2. Verständnisfragen: Moderator fragt Gruppe nach Verständnisfragen (z.B. wer sind Stakeholder, wie lang besteht das Problem schon, was hast du schon ausprobiert?) – nur Explorationsfragen aus forschendem Interesse; nicht aus Neugier / nach Namen fragen, keine versteckten Ratschläge oder Kommentare

Ab jetzt sagt case giver nichts mehr, gibt auch keine Hinweise durch Mimik oder Gestik. Manche drehen sich auch um, mit dem Rücken zur Gruppe.

2.1. Hypothesen: „vielleicht“ aus der Gruppe: vielleicht ist es so, dass… Emotionen, Auffälliges, Gründe

möglichst wild, frei

forschend, wohlwollend

Case giver gibt keine Rückmeldungen zu den Hypothesen, auch nicht durch Mimik, so dass Beratenden frei ins hypothetisieren kommen

2.2. Erste Rückmeldungen (1-2 min)

Case giver kann sagen, was resoniert hat, welche neuen Gedanken/Fragen ihm schon kamen, wo er es spannend fände, weiterzugehen

sehr kurz

3.1. Lösungsansätze (15-20 min)

erst jetzt Lösungen, aber jetzt wirklich Lösungen (und keine Problem-Horizont-Erweiterungen)

kontrovers, viel

Moderator: fällt euch noch was ganz anderes ein? Was ganz schräges?

3.2. Dank, Plan, Lessons Learned

was war für case giver hilfreich? Dank

ggf. sagt Gruppe auch, was alle zusammen gelernt haben

manche Prozesse sind sehr sensibel, kann zu Überforderung führen

vlt passt eine kurze Reflektion über den Prozess als solchen (Achtung: manche Prozesse sind inhaltlich sehr fordernd, dann kann eine Metareflexion/Prozess-Reflektion zu Überforderung führen)

Abgrenzung zur Supervision?

  • Kollegiale Fallberatung kann gut innerhalb einer Supervison geübt werden. Es gibt aber viele, wesentliche Unterschiede zwischen beiden settings. Unter anderem dies: Supervisor kommt von außen dazu, übernimmt die Verantwortung für den Prozess, Teilnehmende konzentrieren sich ganz auf die Inhalte. In der kollegialen Fallberatung übernehmen alle die Verantwortung für den Prozess, insbesondere derjenige, der heute die Moderatorenrolle übernimmt.
  • wer mit den Methoden der Supervision vertraut ist, kann diese gerne mit einbringen z.B. Reframing

Zusammensetzung der Gruppe

Wer ist die Gruppe der Beratenden?

  • alle die anwesend sind
  • keine Zaungäste, man kann nicht nicht beteiligt sein

Wie viel Anleitung braucht es?

  • Hängt von Homogenität der Gruppe und von den Vorerfahrung ab

Prozess erscheint voraussetzungsreich. Soll man eingreifen, wenn Leute zu früh z.B. Lösungen geben?

  • Gruppe möge Verantwortung übernehmen → nicht zu sehr kontrollieren
  • wenn Phase nicht eingehalten wird, kann man intervenieren als Moderator
  • Moderatorin ist auch wertschätzend, erforschend, hat nicht der Weisheit letzter Schluss

Zeitdruck

  • wird oft angemahnt
  • Ermessenssache: Zeitdruck beflügelt auch; bringt oft mehr Ideen, aber nicht durchpreschen

Neu Dazukommende

  • müssen vorher das Verfahren kennen und sich committen können
  • alle sollen sagen können: ich will daran teilnehmen und die Stunde so nutzen
  • dann können sie sich auch fallen lassen, weil Moderator gibt Hinweise und alle anderen wissen wie‘s geht

Gibt es Themen, die für die kollegiale Beratung nicht geeignet sind?

  • sehr konfliktreiche Themen
  • wenn es um Streitigkeiten die mit Hierarchie zu tun haben und die Hierarchieträger anwesend sind
  • wenn etwas sehr tief angetriggert ist, was mit eigenen biografischen Themen zu tun haben (case giver muss wissen, ob der Rahmen geeignet ist, geschützt genug ist)

Braucht es Regelmäßigkeit?

  • Wenn man es nicht braucht, braucht man es nicht
  • Methoden sind nur Instrumente um etwas zu erreichen
  • Geht es um eine Kulturveränderung hin zu dem wertschätzenden Vertrauensraum, dann braucht es vlt außerdem andere Elemente / Methoden

2. Open Space

Im Open Space konnte sich dann zu verschiedenen vorgeschlagenen Themen in den Gruppen ausgetauscht werden.

Kollegiale Fallberatung

  • Es wurden eigene Gruppenerfahrungen im beruflichen und privaten Kontext gemeinsam ausgetauscht und unterschiedliche Settings, Ähnlichkeiten mit anderen Methoden, Vorzüge und die Wirksamkeit durch essentielle Kernelemente (Freier Raum und Zeit zum Erzählen, konsequentes Zuhören, Haltung des Forschens und Wohlwollens, Fokus auf Lösungen, Würdigen und Danken) mit freudigen Funken 🙂 nochmal ins Bewusstsein gehoben und als schöne wirksame Methode erkannt.

Vernetzungsformate

Es wurde über verschiedene Möglichkeiten gesprochen, Online-Austausch interaktiver zu gestalten (z.B. mit spatial oder wonder.me). Wie können wir verschiedene Vernetzungsansätze in Freiburg zusammenbringen? Was sind die bisherigen Erfahrungen, was funktioniert und was nicht?

Alex von der Klima-Vernetzungsgruppe lädt zum nächsten Treffen ein und wirkt gerne mal beim nächsten 4netzen mit.

Links

Vernetzungstreffen der Klimagruppen am Di, 11.5.:

https://spatial.chat/s/stammtisch-plus?sp=Freiburg

Marktwirtschaft reparieren, 6.5.:

https://www.youtube.com/watch?v=OaAUw0ZbSqA&list=PLpqY2cxhlq0_I7EWmfAD0aUwXArlmWvFo&index=3

Ringvorlesung Plurale Ökonomik

Nachhaltigkeitstage Hochschule:

https://hochschule-n-bw.de/events/

Politiker*innengespräche:

bei Alex melden: alexander.gottschling.ag@gmail.com

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