Protokoll 4netzen vom 4.11.20: Soziokratie und andere Organisationsformen


Im Vernetzungstreffen für Nachhaltigkeitsinitiativen „4netzen“ am Freitag, 4. November 2020 um 19 Uhr haben wir die Frage vom letzten Treffen aufgegriffen, wie wir uns in Gruppen so organisieren können, dass Konflikte von vornherein vermieden werden können, und uns die Zusammenarbeit leichter, freudiger und effektiver macht.

Ablauf

19.00 Begrüßung & Einführung
19:10 Impuls & Diskussion: Soziokratie (Adrian Sina Vollmer)
20:00 Open Space
20:45 Abschlussrunde
21:00 Ende des Treffens

Anzahl Teilnehmende: 30
Online via Senfcall

1. Soziokratie

Adrian Sina Vollmer, Organisationsentwickler, Prozessbegleiter und Transformationsdesigner, gibt einen Einblick in die Soziokratie. Die Präsentation kann hier heruntergeladen werden.

Warum überhaupt eine Organisationsstruktur?

  • Fischgräten als Skelett eines organischen Lebewesens – Analogie zur Struktur einer Organisation: Hauptqualität der Struktur ist Stabilität mit den Eigenschaften: solide (Beständigkeit), Vorhersagbarkeit, Planbarkeit, Verlässlichkeit – deshalb wird Struktur geschätzt. Außerdem die Funktion, andere fluidere Qualitäten in der Organisation zu stützen – Bedürfnis nach Sicherheit von Menschen in der Organisation abdecken → „Auffangnetz“
  • Spannungsverhältnis von zwei Qualitäten: Starre (das haben wir immer so gemacht, alles dynamische wird unterdrückt) vs. maximale Flexibilität (kann Struktur überfordern)
  • Merkmal einer guten Struktur: kreative Spannung zwischen Top-Down und Bottom-up Qualitäten gut vereinbaren können. Kontrolle / Strenge / Weisungsbefugnis darf bestehen, aber auch Impulshaftigkeit/ Freiräume / Ideen → Wie kommen wir zu so einer Struktur?

Wie funktioniert Soziokratie?

  • Kreise: Teams / Abteilungen = Menschen die in einem Kontext zusammenkommen und gemeinsame eine Verantwortung tragen für einen Aspekt der Organisation
  • Zielhierarchie: Jeder dieser Kreise bekommt eigene Ziele – sind in Beziehung gesetzt zu übergeordneten Zielen. Je besser die Organisation sich über ihre Ziele im Klaren ist, desto besser kann sie ihre Ressourcen ausrichten und nutzen. Stufen der Zielhierarchie:
    • Leitbild setzt sich zusammen aus:
      • Vision: langer Zeithorizont
      • Mission: mittelfristig, viel Strategie
      • Ziele: 1-2 Jahre → diese Ebene berührt die Ziele der Kreise
  • Domäne eines Kreises = Entscheidungsbefugnis
    • was müssen wir tun, um die Ziele zu erreichen
    • wie viel Selbstorganisation ist angemessen? Welche dürfen wir in unserem Kreis treffen? Wo berühren Entscheidungen auch andere Kreise? → Kommunikationsaufwand einsparen
  • Kreisformate
    • Elternkreis – Kinderkreis – wo sich die Kreise überlappen = Kreisleitung, die werden im Elternkreis gewählt und vertreten Ziele des Elternkreises im Kinderkreis + Delegierte aus den Kinderkreisen → kommen alle zusammen
    • Kreisleitung des allgemeinen Kreises hat nicht mehr Entscheidungsbefugnis als andere
    • Arbeitskreis / Themenkreis = Backoffice, Öffentlichkeitsarbeit, Bildungsarbeit…
    • Hilfskreise: haben nicht die klassische Rollenverteilung, aber zumindest Kreisleitung, arbeiten themenspezifisch, projektbezogen, kann sich wieder auflösen
    • Top-Kreis = Bindeglied der Organisation zur Außenwelt, kommen aus dem allgemeinen Kreis + die nicht in der Organisation sind, aber wohlgesonnen & haben v.a. Vision und Mission im Blick z.B. juristischer Hintergrund oder Mediatoren

→ in der Praxis: kontextangepasste Lösungen! Wie kann ich diese „idealtypische“ Kreisstruktur für den jeweiligen Kontext anpassen? z.B. wollen wir die Rolle des Kreisleiters stärker einschränken?

Welche Rollen gibt es in der Soziokratie?

Rollen:

  • Kreisleitung/ -koordination
    • koordiniert, stimuliert, stellt unangenehme Fragen, stößt Selbstreflexion an
    • hat Ziele im Blick
    • dienende Haltung, will sich nicht profilieren, sondern ist verantwortungsbewusst
    • Herausforderndste Rolle, weil wir nicht so sozialisiert wurden in Bezug auf „Leitung / Führung“ – manche mögen es gerne, andere verbinden damit Negatives
    • 2 Jahre, um es zu üben
  • Delegierte*r
    • Bottom up – vertritt Anwaltschaft des eigenen Kreises im „Elternkreis“
    • Verbindungspunkte zwischen Kreise „über“ und „unter“ uns
    • im Elternkreis kann keine Entscheidung getroffen werden, ohne dass Delegierte*r den Konsent dazu gegeben hat (im Konsent fragt man nicht nach Einverständnis, sondern nach Widerständen: hast du das Gefühl, dass wir unsere gemeinsamen Ziele gefährden, wenn wir diesen Weg gehen? Wenn ja, dann muss man das auch erklären)
  • Moderation
    • In der Soziokratie ist es nicht vorgesehen, dass die Kreisleitung auch die Moderation übernimmt. 
    • hat unterschiedliche Befugnisse: Kreisleitung = inhaltliches Vorankommen, Moderation = Fokus auf Prozess & hält sich inhaltlich raus
    • sehr wichtige Rolle
    • Verfallsdatum für viele Entscheidungen setzen – dann nochmal anschauen
    • Die Moderation trägt dafür Sorge, dass nur gut vorbereitete Themen auf die Agenda kommen. 
  • Protokollant*in / Logbuchführer*in

Was sind die Vorteile der Soziokratie? Wo liegt der Unterschied zu konventionellen Organisationen?

  • Gutes Einstiegsportal für Top Down vs. Bottom Up
  • Ist ein Set von Methoden, Werkzeugkasten – ich sollte mir bewusst sein, in welchem Kontext ich es anwenden soll oder nicht (kein Selbstzweck)
  • Hierarchie wird nicht aufgehoben
  • Unterschied v.a. bei Delegierten, sonst oft „Leitungsperson“
  • so viel Verantwortung wie möglich in die unteren Kreise geben – Gegenentwurf zum Kontrollfreak
  • in den Kreisen wird nicht nur gemeinsam gesprochen und entschieden, sondern auch umgesetzt und reflektiert

Welche persönliche Haltung erfordert die Soziokratie?

  • Sowohl-als-auch Haltung
  • Menschen in Zivilgesellschaft sind herausgefordert mit hierarchischen Prinzipien der Kreisleitung, die aber eine wichtige Funktion hat. Sonst prägt sich Hierarchie oft informell auf
  • Vertrauen auf die unteren Kreise
  • Machtgefälle? Häufiges Phänomen, dass Dinge, die vorher unter den Teppich gekehrt werden, zum Vorschein gebracht werden. Moderation hat hier eine wichtige Rolle.
  • Rolle der gewaltfreien Kommunikation? Die Haltung die dahinter steht, ist sehr wichtig, kann Soziokratie beflügeln. Schnittmengen sind groß. Kommunikationsregeln können gestelzt wirken.

2. Open Space

Im Open Space wurden in Kleingruppen das Thema Soziokratie vertieft sowie die Prinzipien von Integralen Organisationen vorgestellt.

Integrale Organisationen

Elke Fein vom Institut für Integrale Studien stellte das Prinzip von integralen Organisationen vor.

Die Präsentation kann hier heruntergeladen werden.

– Laloux Buch: https://www.reinventingorganizations.com/– Infos auf Deutsch: https://hagen.management/blog/organisation-der-zukunft-reinventing-organizations-von-frederic-laloux/https://www.denkmodell.de/fundstuecke/reinventing-organizations/

– Eine Zusammenfassung und Rezension dazu hier zum Download.
– Netzwerk „Teal Organizations“: http://www.tealforteal.com/
– Deutschsprachige Facebook-Gruppe zum Thema: https://www.facebook.com/search/top?q=reinventing%20organizations%20auf%20gut%20deutsch
– Beispiel einer TEAL Organisation in der Regio: https://www.ich-und-du-pflege.de/

Soziokratie

Gibt es eine min/max Gruppengröße?

  • Max. 25 für viele die Schmerzgrenze, um wirklich Redekreis hinzukriegen, oft reden Leute zu lang, wiederholen sich. Es gibt auch Menschen, die eine Konsent-Moderation auch mit mehr als 40 Personen durchführen.

Für welche Organisationen ist Soziokratie geeignet?

  • Kommt auf den Komplexitätsgrad an – ist eher für Organisationen ausgelegt, die sich sehr regelmäßig und sehr häufig treffen, sonst ist es eher so, dass man mit Kanonen auf Spatzen schießt
  • sehr hilfreich, wenn es darum geht, gemeinsam Entscheidungen zu treffen

Welche Methoden gibt es, um die richtige Entscheidungskompetenz innerhalb der Kreise zu finden?

  • Protokolle anschauen, anhand der Agendapunkte kann man sehen, was die relevantesten Themen sind, wo wünscht man sich Entlastung und wo setzt man sein Hoheitsgebiet?

Wenn es kleine Gruppe mit mehreren Arbeitskreisen und Menschen in mehreren Kreisen gibt – wie kann man nicht immer nur mit Treffen beschäftigt sein?

  • Dann ist Soziokratie evtl. noch nicht dran
  • Pionierphase in den ersten 1-3 Jahren – dann passt Soziokratie oft noch nicht
  • wenn die Organisation wächst, müssen Personen evtl auch aus Arbeitskreisen raus. Die Intelligenz geht dann von Einzelintelligenz über zur Gruppenintelligenz

Wie gelingt es, Kreise auch aufzulösen, wenn sie kein Ziel mehr haben?

  • Schwierig, weil sie bestehen bleiben wollen
  • das Spannungsverhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamt ist ein klassisches Themenfeld der Organisationsentwicklung für viele gemeinnützige bzw. ökosozial-engagierte Organisationen. Die Soziokratie weist auf dieses Spannungsfeld keine pauschale Handlungsempfehlung vor.