Die Kraft des Zuhörens

Ich mache mir – wie viele andere auch – Sorgen um das zunehmend polarisierte und aggressive Klima in unserer Gesellschaft. Dazu möchte ich zwei mutmachende kleine Geschichten erzählen.

Einen Satz möchte ich voranstellen, weil den wohl alle kennen: „Man muß einen Tag in den Mokassins eines anderen Menschen gegangen sein, um ihn/ sie wirklich zu verstehen“.

An einem Tag im Sommer 2018 war ich auf einem Ausflug im Raum Lörrach. An der Grenze haben sie ja jetzt die Kontrolle enorm verschärft, mit Heliktopern und sonstigem schweren Gerät, weil in den Güterzügen viele Schwarzafrikaner gefunden werden. Das hab ich an diesem Tag erlebt und mein Zug musste lange warten. Eine sehr nette Frau hat mich dann zur nächsten Bushaltestelle mitgenommen. In diesem voll besetzten Bus kam ich neben einem ältern Herrn zu sitzen, der im Gespräch schnell auf das Stichwort „Lügenpresse“ kam, man könne niemand mehr trauen, egal ob Zeitung oder Fernsehen. Ich hätte in die Konfrontation gehen können, habe mich aber für das Fragen entschieden: „Woher beziehen Sie denn persönlich die Informationen für ihre täglichen Entscheidungen?“ Nach einigem Zögern nannte er eine christlich orientierte Zeitung einer weltweiten Organisation. Deren Chefradakteur sei vollkommen unabhängig. Ich fragte, woher er den Chefredakteur kenne, worauf es auf eine Schilderung seiner eigenen Lebensgeschichte hinauslief. Herausstechend war dabei, dass er sich unverschuldet mehrfach nach längerer Betriebszugehörigkeit entlassen sah, als er körperlich nicht mehr als „fit genug“ angesehen worden sei. Darüber ist offenbar viel Bitterkeit in ihm entstanden. Ich habe gelegentlich etwas über mein Leben erzählt, aber im wesentlichen ihn sprechen lassen. Derzeit mache er „kleine Jobs für wenig Geld, die ihm aber Spaß machen“. Gegen Ende des Gesprächs schien seine Grundstimmung versöhnlicher zu werden, er verabschiedete sich fast fröhlich an seiner Bushaltestelle.

In Lörrach traf ich eine Freundin, mit der ich Kaffeetrinken in einem Ausflugsziel ging. Danach saßen wir aufgrund einer falschen Auskunft lange an einer Bushaltestelle, gemeinsam mit einigen anderen Leuten. Unter anderem einer weißen ca. 60jährigen Frau, einer jungen dunkelhäutigen Frau und zwei offenbar orientalischen Jugendlichen (ca. 15-17 Jahre). Irgendwie entspann sich ein Gespräch, in dessen Verlauf die 60jährige Frau sich recht strikt abwertend über die Jugendlichen äußerte und zu erkennen gab, dass sie räumlich unbedingt Abstand halten wollte. Ich entgegnete relativierend, dass man das nicht so pauschal sagen könne. Im weiteren Verlauf nahm die 60jährige eine Haltung ein, die uns als überheblich erschien – der Satz „das können sie nicht verstehen“ fiel häufiger. Man könne nie wissen, man könne das nie durchschauen. Sie wollte auch ängstlich vermeiden, dass die Jugendlichen bemerken, dass über sie gesprochen werde, weshalb das Gespräch fast im Flüsterton geführt wurde. Auch hier blieb ich im wesentlichen beim Fragen, während meine Freundin zunächst mit Abgrenzung „so will ich mich nicht unterhalten“ reagierte, bis auch sie sich dem Fragen anschloß. Worauf die 60jährige viel über ihr Leben erzählte, von ihrer Berufstätigkeit im Schulwesen und der langjährigen Auslandserfahrung; sogar von den Kriegserfahrungen ihrer Eltern. Als schließlich alle ihrer Wege gingen, verabschiedete sich auch die 60jährige mit einer deutlich fröhlicheren Grundstimmung.

Mein Fazit? Es waren zwei zeitlich von Anfang an befristete Situationen, was bekanntlich Offenheit begünstigt. Und ich fühle mich sehr darin bestätigt, dass man manchmal einfach nur fragen und ernsthaftes Interesse zeigen muß, damit Menschen sich öffnen und gewürdigt fühlen. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass man über kurz oder lang immer irgendwelche Parallelen zu eigenen Erfahrungen bemerkt, über deren Erzählen man eine emotionale Brücke zum Gegenüber verstärken kann. Ich nehme nicht an, dass ein einzelnes solches Gespräch bei meinen Gegenübern gleich zu grundsätzlichen Einstellungsänderungen führt, aber ich vermute, dass „steter Tropfen den Stein höhlt“, d.h. ich sehe das als meinen kleinen Beitrag dazu, das gesellschaftliche Klima freundlicher zu gestalten und dort, wo ich stehe, für Verständigung zu wirken. Meine internationale Lebensgeschichte (deutsch-angelsächischer Hintergrund) hat sicher meine Neigung zu Völkerverständigung und generell Verständigung gefördert, aber ich glaube, dass alle Menschen ihren Teil beitragen können. Ein kleines bisschen Altersweisheit (ich bin 56) mag helfen 😉

Barbara Wimmel, Kind und Umwelt e.V.

 

Hier erfahren Sie mehr über das Thema – unter dem Stichwort „Dialogkultur“.

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